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Digitale Fotomontage für Kunstprojekt

Kunde: PH Gruner, Darmstadt
Leistungen: Konzeptionelle Arbeiten, Bildbearbeitung / Foto-Retusche

'Autos sind tödlich! Vierzehn Variationen einer politisch korrekten Teufelsaustreibung', mit Ausstellung am 19.11.21 in der Galerie im Keller-Klub, Residenzschloss Darmstadt.

Eröffnungsrede von Paul-Hermann Gruner zur Ausstellung

Was ist Paternalismus?
Abgeleitet vom altgriechischen pateres für Vater bezeichnet der Begriff ein Vorgehen, bei dem selbsternannte Autoritäten ein vormundschaftliches Bekümmern von Beherrschten, Untergebenen oder Unwissenden ausführen. Ein vormundschaftlicher Staat bekümmert seine Bürger wie Eltern ihr Kind. Auch beim klassischen alten Arzt-Patient-Verhältnis bekommt der Kranke gesagt, was gut für ihn sei. Asymmetrie ist demnach für den Paternalismus charakteristisch. Er weiß im Prinzip generell besser, was gut für andere ist, als diese selbst. Er schützt die Unwissenden auch gegen ihren Willen vor der Gefahr.

Letztendlich hat unser gesamter Sozialstaat paternalistische Züge. Unser Gesundheitssystem kümmert sich seit Jahrzehnten zum Beispiel um das Rauchen. Tabakwaren einfach zu verbieten wäre das einfachste, der konsequenteste fürsorgliche Akt, aber dieser kleine Schritt vom Kümmern zum Bevormunden, die Prohibition, bleibt bis jetzt aus.

Auffallend ist jedoch nicht der Paternalismus per se, sondern seine Selektivität. Was gesundheitlich schädliche, ökologisch belastende oder gesellschaftlich geächtete Konsumgewohnheiten anbelangt, ist er ein einziges mal dauerpräsent, in der Regel aber kaum sicht- und hörbar. Warum stürzen wir uns alle auf den Tabakkonsum? Weil es auf der Basis der Vergötterung der Gesundheit so einfach ist, die Rauchenden zur demütigen Stille zu verdonnern. Fürsorglich Entwaffnete können leicht besiegt werden. Minderheitenrechte, sonst von jeder Gruppe schreihälsig gefordert, gelten nicht. Niemand ergriffe für den Rauchenden Partei, ohne dabei selbst beschädigt zu werden. Der Paria ist gefunden. Und die Gesamtgesellschaft um den Paria herum ist darüber fast glücklich, denn – sie kann etwas tun, sie ist mal nicht machtlos, nein, sie kann auf der korrekten Seite stehen und ekstatisch engagiert dem Paria seine Fehlerhaftigkeit aufzeigen – und ihn vom Besatz des Bösen befreien. Der Kreuzzug gegen den Tabak ist einzuordnen als ein den Moralanspruch der Gesellschaft symbolisch entlastender, stellvertretend vorgenommener Akt einer Teufelsaustreibung.

Stellvertretend ist die Teufelsaustreibung, weil ihr kein weiteres Engagement folgt. Es ist nur ein Mütchen kühlen. Den schwarzgerän-derten Warnbotschaften auf Tabakwaren – in der Anmutung quasi eine Todesanzeige – folgt an anderer, ebenso geeigneter Stelle – nichts. Warum? Der politisch korrekten Gesundheitsoptimierung, dem Reinheitswahn, dem jakobinischen Tugendterror, ihm geht plötzlich die Luft aus.
Ich hätte mir da anderes erwartet. Echt! Wer im Besitz der Wahrheit ist und sich genötigt fühlt, ungebeten Freiheiten anderer zu deren eigenem Nutzen einzuschränken, der hätte doch noch einiges mehr zu tun. Wo bleibt denn der Furor, die Gängelung und Nivellierung auch gegenüber anderen Gruppen, zum Beispiel denen, die die Mehrheit bilden und zu denen man eventuell sogar selbst gehört?

So kommen wir zu den Warnhinweisen auf Automobilen. Ich warte gefühlt schon Jahrzehnte auf sie. Kfz-Bestand 1960 in Deutschland: 4,5 Millionen Fahrzeuge. Kfz-Bestand heute in Deutschland: 48 Mio Fahrzeuge. Die Blechhaufen nehmen den Platz weg in den Städten, emittieren Rußpartikel, Stickoxide, CO2, kosten deutschlandweit 250 Menschen pro Monat das Leben, Verletzte nicht gezählt, und absorbieren über den Bau und Erhalt von Verkehrswegen Unsummen aus meist öffentlichen Etats. Der automobile Straßenverkehr löschte noch 1972 jährlich in der kleinen BRD 20.000 Menschenleben aus. Eine Kleinstadt. Heute sind es 3300 jährlich. Ich will gar nicht zusammenzählen, was da über Jahrzehnte zusammenkommt.
Es hat mir also, Sie ahnen es, einen höllischen Spaß bereitet, den Alarmismus und die feindselige Aufgeregtheit, die einem auf jeder Tabakware begegnet, einmal aufs Automobil, den Fetisch der Moderne schlechthin, zu übertragen.

Aber es gäbe ja noch soooo viel mehr zu tun!
Warnhinweise auf allen Süßigkeiten, die mit hohem Zuckergehalt das Überleben der Kinderzähne ruinieren, den Verdauungstrakt und den Geschmackssinn auf Süß hin trimmen und verfälschen und Überge-wicht großartig unterfüttern.

Oder Kosmetikprodukte! Was für ein Markt! Was für eine Vielzahl an Döschen, Fläschchen, Tübchen weltweit! Und was für eine Gelegenheit, mit schwarzgeränderten Botschaften auf das gefährliche Mikroplastik, die Hautreizungen und potentiellen Allergien, die üblen Laborpraktiken, die Tierversuche mit Mardern, Mäusen, Ratten und Äffchen hinzuweisen, die dem verqueren Rollenbild oberflächlicher, meist ideologisch weiblich codierter Schönheit geopfert werden!
Oder wie wär’s mit Warnhinweisen für Dickmacher aus der Konditorei, die erhobenen Zeigefinger vor den Hüftringen aufgrund des Übermaßes an Konsum von Schwarzwälder Kirsch?!
Und dann der Alkohol! Die teuflichste der Volksdrogen. Wie schön und dramatisch könnten wir Hexenjagd machen mit schrecklichen Fotos von Verkehrstoten, windelweich geprügelten Ehepartnern, debilen Säuglingen alkoholisierter Mütter und kleinen Videos über vom Bier enthemmte, sich wild prügelnde Fußballfans!
Und dann wären heute auch fette Warnhinweise nötig für die Nutzung digitaler Medien, gleich beim Einloggen zu den asozialen Netzwerken. Oder beim endlosen Streamen von Filmen mit der nachweislich schlimmsten CO-2-Bilanz überhaupt. Oder beim Followen von dubiosesten Influencer*innen. Und so fort.

Nun denn. Ich komme noch kurz auf das schnell sich wandelnde Bild einer Konsumgewohnheit zurück. Den Interpretationswechsel. Rauchen war ja bis weit ins 20. Jahrhundert hinein positiv besetzt, geradezu geadelt. Romanheld Hans Castorp aus Thomas Manns Zauberberg sagt es so: „Ich verstehe nicht, wie jemand nicht rauchen kann. […] Wenn ich aufwache, so freue ich mich, dass ich tagsüber werde rauchen dürfen, und wenn ich esse, so freue ich mich wieder darauf, – ja, ich kann sagen, dass ich eigentlich bloß esse, um rauchen zu können.“
Erschiene heute ein Buch mit solch einer Grundhaltung, es bekäme einen – Warnaufkleber.

Rauchende Köpfe in der Kunst waren stets im doppelten Sinne zu verstehen. Sartre sprach vom „Rauch der Gedanken“. Endlos lang ist die Liste von Denkern und Autoren, die das Rauchen als Denk-, Formulier- und Fabuliertreibstoff nutzten: Joseph Roth, Günter Grass, Max Frisch oder Ernst Bloch wirkten ohne Pfeife im Mund irgendwie amputiert, Bertolt Brecht ist ohne Zigarre phänotypisch gar nicht darstellbar. Kästner, Malraux, Burroughs oder Enzensberger waren phasenweise so mit der Zigarette verbunden, dass man fragen durfte, wer da eigentlich wen festhielt.

„Bevor man antwortet, sollte man immer erste seine Pfeife anzünden“, befand Albert Einstein. Solche Sätze würden heute gnadenlos ausgebuht. Zigarrenliebhaber Mark Twain sagte zum Rauchen: „Wenn man es im Himmel nicht tun darf, gehe ich nicht hin.“ Heute ausgesprochen, käme ein solcher Satz sofort unter die Zensur-Guillotine der Cancel-Culture, der Lösch-Kultur der neuesten moralischen Inquisition.

Jetzt noch etwas zu dem, was Sie hier sehen: zur Montage-Technik der „behaupteten Wirklichkeit“.
Das Montieren von visuellen Versatzstücken gehört seit dem Dadaismus zur gesellschaftlich orientierten Kunst. Das Prinzip ist seit hundert Jahren vielfach entwickelt und ergänzt worden, fußt jedoch zentral auf der Transzendentierung der Materie sowie jenes Konstruktes, das wir Wirklichkeit nennen. Vom Materialbild über das Objet trouvé, vom Ready-Made zu Collage und Décollage, von Marcel Duchamp über Max Ernst zu Kurt Schwitters bishin zum unvergleich-lichen Jiri Kolar reichen die Bezüge. Und auch die dreidiemsionalen Weiterentwicklungen, das narrative Environment im Sinne von Edvard Kienholz oder die heute so beliebte Installation bedienen sich aus dem visuellen Werkzeugkoffer der – Montage. Eine Menge Holz, ein weites Feld, um mit Fontane zu reden.

Ganz besonders attraktiv in Zeiten von Fake-News des hysterisch aufgeladenen Nachirchtenraumes ist selbstverständlich die – digitale Montage. Sie ist auf der einen Seite topgefährlich. Man erkennt sie nicht sofort als solche. Auf der anderen Seite kann sie aber auch aufklärerisch und hinterfragend zum Einsatz kommen, sie kann zum suggestiven Hebel von Erkenntnis gemacht machen.
Und das genau sehen Sie hier in der Galerie im Keller-Klub.
Ich danke an dieser Stelle meinem digitalen Retuscheur, Jens Werland, für seine Arbeit. Er ist verantwortlich für diese nahtlose Welt der Vermischung von Sein und Schein.

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